Thomas Wenk
Komponist und Hochschuldozent für Musiktheorie und Improvisation, spezialisiert auf Prepared Piano sowie Kompositionen für Kassettenrekorder.
Thomas Wenk
Komponist und Hochschuldozent für Musiktheorie und Improvisation, spezialisiert auf Prepared Piano sowie Kompositionen für Kassettenrekorder.
| Benjamin Lang: ABDucensparese for grand piano (2001) Michael Maierhof: splitting 16 for piano (2002/2003) James Saunders: #250904-r for piano, dictaphones, CD and e-bow (2004) Thomas Wenk: Recordame for piano and cassetterecorder (1999) Johannes Kreidler: Klavierstück 5 for piano and tape (2005)Ah, just one word: amazing! Best concert of the festival so far for me. It was perfectly delivered. Three words? Skilled, progressive, contemporary. I don’t know how to describe it. It’s just so unusual, isn’t it? Publikumsreaktionen Huddersfield Contemporary Music Festival…presents only very exciting compositions… positionen 80 |
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HCR 2009
ASIN: B0037P159A |
http://www.sebastianberweck.de/pages/en/books-and-cds.php
fünf einschränkungen / handicap – music (thwenk 2010)
improvisationskonzepte für 2 oder mehr spieler (nicht unbedingt nur mit musikinstrumenten)
1 never together –/ nie zusammen –
handicap für alle spieler.
2 only one note / nur ein ton
handicap als vorschrift nur für einen spieler.
mehrere versionen mit anderen spielern sind möglich.
3 give an obstruction / erteile ein verbot
handicap als einschränkung oder verbot nur für einen/ einen teil der spieler. mehrere versionen mit verschiedenen verboten/spielern sind möglich.
4 with or without — / mit oder ohne –
die handicaps werden für jeden spieler von einem anderen individuell festgelegt, sie fordern oder verbieten bestimmte aktionen oder klangmöglichkeiten.
5 do it again (no repetition) / machs nochmal (keine wiederholung)
handicap für alle spieler: eine zu beginn von jedem spieler individuell gewählte, nicht abgesprochene musikalische aussage muß bis zum ende beibehalten werden, ohne jedoch einfach wiederholt zu werden.
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verbote oder einschränkungen können die spieler anregen, ihr musikalisches material innerhalb der gegebenen grenzen möglichst weit zu entwickeln und auszudehnen, die grenzen zu thematisieren oder kreativ zu umgehen. weitere gestalterische möglichkeiten eröffnen sich, sobald die ausführenden selbst einschränkungen für ihre mitspieler erfinden und sich damit auf kompositorischer ebene bewegen.
trotz aller „behinderungen“ ist das ziel der konzepte, gemeinsam zu kommunizieren und musik entstehen zu lassen. dies schließt auch alles während der performance sichtbare mit ein, was nicht unbedingt mit tonerzeugung verbunden sein muß.
bei der aufführung sollten nur die titel, keinesfalls die konkreten einschränkungen vorher benannt oder im programm erwähnt werden. die reihenfolge sollte nicht ohne zwingenden grund verändert werden, mehrfachversionen können direkt aufeinander folgend oder als komplette weitere folge 1 – 5 aufgeführt werden.
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anmerkungen, nicht als vorschriften mißzuverstehen:
1 nie zusammen –
kann prinzipiell auf alle klanglichen mittel angewandt werden, welche in zusammenhang stehen, wie zb. gemeinsame einsätze, pausen, tonalität, tempo. zusammen läßt sich ebenso als gemeinsames tun verstehen, es erfordert daher ein hohes maß an kommunikation um nichts gemeinsam zu tun.
2 nur einen ton
zu spielen eröffnet zahllose möglichkeiten, diesen „ton“ klanglich zu differenzieren oder auch die mikrotonalen grenzen seiner tonhöhe zu explorieren. außerdem führt die strikte einhaltung dieser beschränkung zu unauflöslichen widersprüchen: darf der „ton“ nur „einmal“ klingen? da dieses handicap nur einen spieler betrifft, kommt diesem ton / dieser aktion eine herausragende position im klanglichen kontext zu, die anderen spieler können dies auf verschiedenste weise zu berücksichtigen (oder zu verhindern) versuchen.
3 erteile ein verbot
kann im sinne des titelgebenden films (five obstructions von jorgen leth/lars von trier 2004) durchaus ein geschenk an den/die betreffenden spieler sein… ihn/sie beispielsweise dazu bringen, anstelle der gewohnten vorlieben neue musikalische wege einzuschlagen.
4 mit oder ohne–
eröffnet unbeschränkte möglichkeiten, die mitspieler ungewohnten situationen auszusetzen: mit bestimmtem material zu improvisieren, ohne die anderen zu sehen (hören), mit einer hand in der hosentasche, ohne intervalle abwärts zu spielen (…).
5 machs nochmal (keine wiederholung)
die vorschrift, bei einer zu beginn gewählten musikalische aussage bis zum ende bleiben zu müssen, schränkt für improvisierende musiker viele möglichkeiten ein, auf die mitspieler reagieren zu können. stattdessen rücken nuancierungen des materials als kommunikation in den vordergrund.
keine wiederholung führt außerdem zur notwendigkeit, sich ständig des kerns der eigenen aussage bewußt zu sein, um z.b. variationen zu erfinden, und dabei gleichzeitig den gemeinsamen musikalischen fluß zu verfolgen.
anmerkungen zur aufnahme mit duo contour / stephen altoft (19telton-trp.), lee ferguson (vibraphon, percussion) und thomas wenk (präpariertes klavier, kassettenrekorder):
diese konzepte verlangen von den spielern, sich einschränkungen oder behinderungen ihrer gewohnten möglichkeiten zu unterwerfen. ebenso wie sich dem blinden ein größeres akustisches potential erschließt, sollen durch beschränkung des musikers reflexhafte gewohnheiten bei der improvisation unterbunden und dadurch neue möglichkeiten seines persönlichen ausdrucks eröffnet werden – jedoch ohne ihm diese im einzelnen vorzugeben. außerdem beeinhalten die konzepte eine soziale komponente – wie nämlich kommunikation und musikalische umgangsformen zwischen “behinderten” und “nichtbehinderten” spielern geregelt werden.
nr. 1 nie zusammen -
versetzt die spieler zunächst in einen maximal freien zustand, frei aller bindungen und beschränkungen, es soll jedoch musikalisch kommuniziert werden.
nie zusammen – kann prinzipiell auf alle klanglichen mittel angewandt werden, welche in zusammenhang stehen, wie zb. gemeinsame einsätze, pausen, tonalität, tempo. wenn zusammen – als gemeinsames tun verstanden wird, erfordert es tatsächlich ein hohes maß an kommunikation um nichts gemeinsam zu tun.
um diesen zustand musikalisch abzubilden, unternimmt das ensemble dieser aufnahme den unrealistischen versuch, aus dem improvisierten moment alles zusammen zu spielen – und trifft daher meistens knapp aneinander vorbei.
nr.2 nur einen ton
eröffnet die serie der einschränkungen mit einem handicap nur für einen spieler.
nur einen ton zu spielen eröffnet zahllose möglichkeiten, diesen „ton“ zb. klanglich zu differenzieren oder die mikrotonalen grenzen seiner tonhöhe zu explorieren. außerdem führt die strikte einhaltung dieser beschränkung zu unauflöslichen widersprüchen: darf der „ton“ zb. nur „einmal“ klingen? da dieses handicap nur einen spieler betrifft, kommt diesem ton / dieser aktion eine herausragende position im klanglichen kontext zu, die anderen spieler können dies auf verschiedenste weise zu berücksichtigen (oder zu verhindern) versuchen.
hier wurden 2 versionen realisiert: 2a) schlagzeug spielt nur ein instrument, einmal, mit einem einzigen schlag, den trp/klv. in ihrem etwas geschwätzigen duett in jedem moment erwarten. 2b) klv. spielt nur eine mit bogenhaar gestrichene saite.
nr. 3 erteile ein verbot
kann im sinne des titelgebenden films (five obstructions von jorgen leth/lars von trier 2004) durchaus ein geschenk an die betreffenden spieler sein… sie beispielsweise dazu bringen, anstelle der gewohnten vorlieben neue musikalische wege einzuschlagen.
in dieser version ist der vibraphonist mit einer hand an einen permanent zu streichenden dauerton gefesselt, die trp. wird mit herausgenommenen zügen gespielt, durch welche der ton nur schwer kontrollierbar entweicht.
nr.4 mit oder ohne–
eröffnet unbeschränkte möglichkeiten, die mitspieler ungewohnten situationen auszusetzen: mit bestimmtem material zu improvisieren, ohne die anderen zu sehen (hören), mit einer hand in der hosentasche, ohne intervalle abwärts zu spielen (…)
hier ist dem pianisten ein arm spastisch gefesselt, der perkussionist muß beständig wasser umfüllen, 19tel-trp. muß in temperierter diatonik spielen.
nr. 5 machs nochmal (keine wiederholung)
die vorschrift, bei einer zu beginn gewählten musikalische aussage bis zum ende bleiben zu müssen, schränkt für improvisierende musiker viele möglichkeiten ein, auf die mitspieler reagieren zu können. stattdessen rücken nuancierungen des materials als kommunikation in den vordergrund.
keine wiederholung führt außerdem zur notwendigkeit, sich ständig des kerns der eigenen aussage bewußt zu sein, um z.b. variationen zu erfinden, und dabei gleichzeitig den gemeinsamen musikalischen fluß zu verfolgen.
in dieser version werden statt klavier kassettenrekorder eingesetzt, um die mitspieler aufzunehmen und fragmente klangmanipuliert zu wiederholen.
Russischer Stummfilm von Lew Kuleshow (1924), live vertont 2008 mit dem Filmmusik-Ensemble der JMS. Die teilweise improvisierte Musik basiert auf den “Bildern einer Ausstellung” von Modest Moussorgski (arr. thwenk). Die unterschiedlichen Charaktere und gewagten Ausflüge des experimentierfreudigen Moussorgsky erfahren durch den Film eine weitere Dimension, als hätte er damals schon fürs Kino komponiert…
Diese aufwändige Produktion für großes Ensemble einschließlich vieler Geräuschinstrumente hatte 2008-9 sehr erfolgreiche Aufführungen und ist auf DVD dokumentiert.
anmerkungen zu einigen multimedia-performances
tape & scratch
die zusammenarbeit mit daniel wenk führte zu einer reihe von multimedia-performances, die als singuläre konzepte immer auf den jeweiligen aufführungsort bezogen waren und nur einmal live aufgeführt wurden.
konstanten in dieser serie sind transparente klebebänder, welche nach einer einfachen und absolut streng durchgehaltenen regel im raum verlegt werden, sowie präpariertes klavier als musikalische timeline. kassettenrekorder nehmen während der aufführung akustische fragmente auf bandschleifen auf, die im verlauf wieder zugespielt werden. sowohl klebebänder als auch kassettenrekorder werden in doppelfunktion als einerseits ästhetische objekte, andererseits als klanggeber eingesetzt.
in der leipziger performance wurden 5 parallele streifen als gerade linien durch den ganzen raum verlegt, welche ohne abweichung über einen flügel und unter dem klavierstuhl hindurchgingen, während ich spielte.
die hindernisse zwingen zu 3-dimensionalen umwegen. auf einer live-projektion des flügelinnenraums konnte das publikum die zunehmende präparation der klaviersaiten verfolgen, während gleichzeitig immer mehr live-klebeband-aufnahmen auf endloskassetten im ganzen raum verteilt wurden.
deinstallation
ein klebebandstreifen wird vor der aufführung durch ein gebäude, über treppen, auf verschiedenem untergrund verlegt. bei der performance wird er wieder vom boden abgezogen und komplett entfernt, dabei entstehen unterschiedliche geräusche, die gleichzeitig mit kassettenrekordern aufgenommen werden und entlang des parcours zurückbleiben.
bei der münchner deinstallation mit pong wurde der streifen als zickzackmuster verlegt, das analog zu dem computerspiel pong von den wänden reflektiert wird. die aufnahmesequenzen folgen streng diesem ballprinzip: eine erste aufnahme wird so oft zwischen 2 rekordern hin und her überspielt („ping – pong“), bis sich die klänge des anfangs völlig verändert haben.
po_ol
ein 30cm breiter klebestreifen wurde als gerade linie quer durch eine schwimmhalle und das leere becken verlegt, zielpunkt war der flügel. an der performance war zusätzlich noch ein weiterer musiker beteiligt, der sich mit violine synchron zum klebestreifen im raum bewegte.
hier diente die bewegung des klebestreifens zwischen verschiedenen raumpunkten als zeitgeber für die timeline, um musik und die übrigen abläufe zu synchronisieren. kassettenrekorder setzten punktuelle akzente mit einzelklängen aus der performance.
klang-zeichnung und musik
in dieser serie entstanden bisher COMIC-OPERA und SCHWARZWEISS. hier werden musiker mit einem live-zeichner kombiniert und die möglichen zusammenhänge von bild und ton auf verschiedenste weise thematisiert: die entstehenden zeichnungen sind per videoprojektion zu sehen, die dabei erzeugten geräusche des stifts werden verstärkt und quasi als tonspur des videos wiedergegeben. die teilweise frei improvisierte musik steht hier kommentierend dem bild oder integrierend den zeichengeräuschen gegenüber.
in COMIC-OPERA mit ensemble chronophonie entsteht ein abstrakter comic: die typischen elemente des genres wie zb. sprechblasen sind selbst die protagonisten, anstelle einer narrativen handlung steht die mehrdeutigkeit des zeichensystems als musikalische notation.
SCHWARZWEISS mit duo contour ist ähnlich konzipiert, jedoch werden anstelle von comix die spontanen beiträge des publikums verwendet und nach bestimmten kriterien überzeichnet oder weitergeführt. der wesentliche unterschied beruht auf der mitwirkung des publikums, welcher die ausführenden zwingt, auf völlig unvorhersehbares zeichnerisch und musikalisch zu reagieren und innerhalb eines konzeptuellen rahmens zu improvisieren.
ALPHORNDUETT mit bandechos (2008)
freiluftmusik für 2 alphornisten, 5 kassettenrekorder und spielzeuginstrumente
die beiden alphornisten stehen sich im abstand von 100m gegenüber, entscheidend für das musikalische resultat sind die erheblichen laufzeitunterschiede des schalls je nach standpunkt des zuhörers. der abstand zwischen ihnen wird langsam von einer 3. person durchschritten, die mit kassettenrekordern kurze aufnahmen macht und klangobjekte betätigt. die aufnahmen auf bandschleifen sind zunehmend als extrem verzögerte echos zu hören.
mögen Sie musik? (geschmackssache) UA 2005
für einen ausführenden mit 3 kassettenrekordern und einen mitwirkenden zuhörer
diese performance für einen mitwirkenden zuhörer wurde für das festival „unter 4 ohren“ komponiert, wo stücke nur für jeweils einen einzelnen zuhörer aufgeführt wurden.
hier geht es um die veränderten rezeptionsformen von musik in der zeit des massenhaften archivierens und dauerhörens. kauf- und hörentscheidungen müssen schnell gefällt werden, welchem komponisten gibt man ein längeres, wertvolles stück lebenszeit ab?
ausgangssituation ist ein hörtest, bei welchem der zuhörer als testperson aus einer unbegrenzten anzahl von kurzen musikausschnitten aller genres individuell nach den kriterien „gut“ oder „schlecht“ aussortieren darf. die hörbeispiele sind auf kassetten, welche vom versuchsleiter je nach angabe des zuhörers in zwei kartons „gut“ oder „schlecht“ geworfen werden. in weiteren runden werden die „guten“ wieder in kartons „besser“ oder „schlechter“ sortiert usw. – der zuhörer übernimmt dadurch die funktion des dirigenten.
die performance, das dauerhören und bewerten von schnipseln, wird gleichzeitig mit aufnahmen dokumentiert und diese auf einer einzigen kassette überlagert. am ende bekommt die testperson „ihre“ kassette als individuelles geschmacksdestillat ausgehändigt, auf ihr sind alle gut bewerteten musiken gleichzeitig übereinander aufgenommen.
da die GEMA prinzipiell für jedes sample verwendungsgenehmigungen und gebühren verlangt, ist dieses stück nur illegal aufführbar. (vgl. den fall kreidler – GEMA 2008)
coffee and cigarettes (2003)
musikalisches objekttheater für selbstspielklavier (8 min.)
musik für automaten weckt zwiespältige gefühle: hier wurde der mensch überflüssig, wie oft in der technologischen entwicklung. dies macht jedoch sinn, wenn er nicht selbst in der lage ist, die komplizierten operationen auszuführen, die beabsichtigt sind – um beispielsweise noch tassen mit den klaviertasten anzuschlagen oder löffel auf der tastatur wandern zu lassen.
ein selbstspielendes klavier wird weniger als musikinstrument im engeren sinne wahrgenommen, man hat kaum respekt vor den musikalischen leistungen einer maschine und reagiert stärker auf zusätzliche visuelle reize des tastentheaters.
coffee & cigarettes benutzt mendelssohns venezianisches gondellied als untergrund einer geräuschkomposition, die von kaffeegeschirr auf den selbstspielenden tasten hervorgebracht wird. melodische figuren verlieren ihren musikalischen sinn und bringen stattdessen löffel dazu, auf der tastatur herumzuwandern oder herabzufallen.
die komposition thematisiert die problematik der menschähnlichen maschine, welche kunst produzieren soll: klavierspielen im café, einer für hochspezialisiertes hören ungeeigneten umgebung, musik als nebenbei, welche hier jedoch die störenden umgebungsgeräusche aufnimmt und zur hauptsache werden läßt. das gondellied bleibt gut erkennbar, wurde aber mittels schräger modulationen, merkwürdiger agogik und improvisatorischer einwürfe so bearbeitet, dass die geräusche der tassen und aschenbecher auf den tasten und pedalen als eigenständige klangschicht hervortreten.
coffee & cigarettes ist vom gleichnamigen film von jim jarmusch inspiriert und wurde für die aufführung in einem italienischen eiscafé komponiert.
Brahms, Intermezzo op. 119 h-moll für Klavier, bearbeitet für ensemble chronophonie:
Daniel Agi – Flöten
Thomas Monod – Kontrabassklarinette
Steve Altoft – 19telton-Trompete
Lee Ferguson – Templeblocks, Kassettenrekorder
rec. 10-2010
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Klebebandperformance im Faulerbad Freiburg
mit
Harald Kimmig – Violine / Bewegung
thwenk – preppiano / kassettenrekorder
Daniel Wenk – Tapist
DVD 21 min.
Ein Klebebandstreifen wird geradlinig durch die leere Schwimmhalle verlegt und erreicht den Flügel auf der gegenüberliegenden Seite des Beckens. Seine Bewegung durch das leere Becken ist mit den Raumwegen des Violinisten verbunden und wird musikalisch kommentiert.
kassettenrekorder waren seit mitte der der 60er jahre für lange zeit eines der wichtigsten und verbreitetsten aufnahmemedien, vor allem für populäre musik: viel sicherer und einfacher als heutige digitale aufnahmegeräte, und dabei in allen varianten vom mono-tischgerät bis zum semiprofessionellen 8spur-rekorder zu haben.
seit einführung der digitaltechnik (DAT rekorder 1988), wechseln die formate immer schneller und niemand kann sich mehr auf einen sicheren, allgemein verbreiteten standard verlassen. dafür gelingt es hier immer besser, rauschen und mangelhaften klang zu vermeiden, um damit deutlicher zwischen musik und nichtmusik in form unerwünschter nebengeräusche zu differenzieren.
am aufnahmetechnischen resultat gemessen sind digitale aufnahmegeräte den kassettenrekordern also in vieler hinsicht überlegen, dennoch haben gerade die einfachsten kassettengeräte mindestens drei unschlagbare vorzüge:
- sie produzieren selbst klänge, ebenso wie musikinstrumente (tastengeräusche, rauschen, knacken im lautsprecher); auf der klavierähnlichen tastatur können geübte spieler beachtliche virtuosität entwickeln.
- sie erzeugen bei der wiedergabe deutliche veränderungen am aufgenommenen klang durch nichtlinearen frequenzgang. auch tonhöhen und tempo verändern sich, sobald die aufnahme auf einem anderen gerät abgespielt wird (da es keine geräte mit absolut gleicher bandgeschwindigkeit gibt). dies ist vergleichbar mit der individuell verschiedenen wiedergabe eines musikstücks durch den interpreten.
- die bandfunktionen lassen sich nicht absolut kontrollieren und die resultate von aufnahme/wiedergabe sind nicht genau wiederholbar, statt digital-identischen kopien entstehen unabsehbare abweichungen.
kassettenrekorder als instrument?
gerade weil kassettenrekorder technisch längst überholt sind, lassen sie sich nun umso besser zweckentfremdet einsetzen wie traditionelle instrumente zur reproduktion von musik: der aufzunehmende originalklang entspricht dem notentext, die kassettenwiedergabe ist vergleichbar der instrumental-interpretation – der rekorder funktioniert als instrumentales medium.
während die unterhaltungsindustrie sich überwiegend auf geräte zur unveränderten reproduktion von musikstücken konzentriert (und musikproduktion außerhalb professioneller studios oft auf computer bzw. sequenzer beschränkt ist) kommt mit kassettenrekordern auch ein ursprünglich spielerisches element zurück: verzicht auf digitale klangtransformation und virtuelle effekte, stattdessen direkter zugriff und beschränkung auf die einfachen möglichkeiten, akustische aufnahmen zu bearbeiten.
dies allein würde allerdings kaum ausreichen, um ein künstlerisches interesse an technisch unzulänglichen geräten zu erklären. tatsächlich lassen sich aber innerhalb der beschränkungen auch komplexe situationen und hochdifferenzierte spielmöglichkeiten komponieren, erfahrene spieler können beachtliche virtuosität mit den geräten entwickeln.
entsteht dabei musik?
durch ausprobieren können situationen gefunden werden, die zumindest den formalen gegebenheiten konventioneller kunstmusik ähneln. hier sollte eine mediengerechte entwicklung ästhetischer kriterien ansetzen, die sich nicht auf die nachahmung klassischer positionen beschränkt. dies kann durch eigenes improvisieren mit einem einfachen rekorder-setup geschehen, wozu hier einige anregungen gegeben werden:
- klangmaterial wird fragmentiert und neu zusammengesetzt:
ein kurzer sprechtext wird von mehreren rekordern gleichzeitig aufgenommen, dann in fragmenten abgespielt und davon gleichzeitig eine weitere aufnahme hergestellt.
zunächst nur kurze wortfetzen abspielen, dazwischen pausen lassen / allmählich immer längere teile der aufnahme zunehmend gleichzeitig abspielen / schluß: wiedergabe ungefähr gleichzeitig am anfang starten (echo-effekt) und die rekorder der reihe nach stoppen, bevor der text vollständig zu hören war.
- musikalisch-rhythmische kommunikation:
ein sprechtext oder (bekanntes?) musikstück von mehreren rekordern aufgenommen dient als klangquelle, die spieler versuchen kurze fragmente (möglichst verschiedene stellen) als loop zu wiederholen und auf diese weise eine eigene rhythmische struktur zu entwickeln:
a) stellen durch minimales rückspulen wiederholen, alle spieler durcheinander
b) eine neue stelle suchen und wiederholen, in der reihenfolge der spieler nacheinander (pausen vermeiden)
c) lautstärke immer geringer bis null reduzieren und reines tastengeräusch-ostinato spielen.
- der klang ändert sich in abhängigkeit vom instrument:
eine sprach- oder musikaufnahme wird kontinuierlich abgespielt. drei rekorder nehmen ein kurzes stück davon auf, spulen zurück, dann werden die kassetten in den jeweils anderen rekordern abgespielt (mit fade in/out), zurückgespult und wieder in anderem rekorder abgespielt. während dem abspielen soll die kontinuierliche wiedergabe unregelmäßig immer leiser geregelt werden.
- eigene klänge erzeugen:
die rekorder nehmen sich gegenseitig auf (bandrauschen, tastengeräusche), weitere klänge entstehen durch kratzen, klopfen am gehäuse oder direkt am mikrofon, filterwirkungen entstehen durch teilweise mit der hand abgedecktes mikrofon (…)
thwenk 2005