wozu kassettenrekorder?

kassettenrekorder waren seit mitte der der 60er jahre für lange zeit eines der wichtigsten und verbreitetsten aufnahmemedien, vor allem für populäre musik: viel sicherer und einfacher als heutige digitale aufnahmegeräte, und dabei in allen varianten vom mono-tischgerät bis zum semiprofessionellen 8spur-rekorder zu haben.

seit einführung der digitaltechnik (DAT rekorder 1988), wechseln die formate immer schneller und niemand kann sich mehr auf einen sicheren, allgemein verbreiteten standard verlassen. dafür gelingt es hier immer besser, rauschen und mangelhaften klang zu vermeiden, um damit deutlicher zwischen musik und nichtmusik in form unerwünschter nebengeräusche zu differenzieren.

am aufnahmetechnischen resultat gemessen sind digitale aufnahmegeräte den kassettenrekordern also in vieler hinsicht überlegen, dennoch haben gerade die einfachsten kassettengeräte mindestens drei unschlagbare vorzüge:

- sie produzieren selbst klänge, ebenso wie musikinstrumente (tastengeräusche, rauschen, knacken im lautsprecher); auf der klavierähnlichen tastatur können geübte spieler beachtliche virtuosität entwickeln.

- sie erzeugen bei der wiedergabe deutliche veränderungen am aufgenommenen klang durch nichtlinearen frequenzgang. auch tonhöhen und tempo verändern sich, sobald die aufnahme auf einem anderen gerät abgespielt wird (da es keine geräte mit absolut gleicher bandgeschwindigkeit gibt). dies ist vergleichbar mit der individuell verschiedenen wiedergabe eines musikstücks durch den interpreten.

- die bandfunktionen lassen sich nicht absolut kontrollieren und die resultate von aufnahme/wiedergabe sind nicht genau wiederholbar, statt digital-identischen kopien entstehen unabsehbare abweichungen.

kassettenrekorder als instrument?

gerade weil kassettenrekorder technisch längst überholt sind, lassen sie sich nun umso besser zweckentfremdet einsetzen wie traditionelle instrumente zur reproduktion von musik: der aufzunehmende originalklang entspricht dem notentext, die kassettenwiedergabe ist vergleichbar der instrumental-interpretation – der rekorder funktioniert als instrumentales medium.

während die unterhaltungsindustrie sich überwiegend auf geräte zur unveränderten reproduktion von musikstücken konzentriert (und musikproduktion außerhalb professioneller studios oft auf computer bzw. sequenzer beschränkt ist) kommt mit kassettenrekordern auch ein ursprünglich spielerisches element zurück: verzicht auf digitale klangtransformation und virtuelle effekte, stattdessen direkter zugriff und beschränkung auf die einfachen möglichkeiten, akustische aufnahmen zu bearbeiten.

dies allein würde allerdings kaum ausreichen, um ein künstlerisches interesse an technisch unzulänglichen geräten zu erklären. tatsächlich lassen sich aber innerhalb der beschränkungen auch komplexe situationen und hochdifferenzierte spielmöglichkeiten komponieren, erfahrene spieler können beachtliche virtuosität mit den geräten entwickeln.

entsteht dabei musik?

durch ausprobieren können situationen gefunden werden, die zumindest den formalen gegebenheiten konventioneller kunstmusik ähneln. hier sollte eine mediengerechte entwicklung ästhetischer kriterien ansetzen, die sich nicht auf die nachahmung klassischer positionen beschränkt. dies kann durch eigenes improvisieren mit einem einfachen rekorder-setup geschehen, wozu hier einige anregungen gegeben werden:

- klangmaterial wird fragmentiert und neu zusammengesetzt:

ein kurzer sprechtext wird von mehreren rekordern gleichzeitig aufgenommen, dann in fragmenten abgespielt und davon gleichzeitig eine weitere aufnahme hergestellt.

zunächst nur kurze wortfetzen abspielen, dazwischen pausen lassen / allmählich immer längere teile der aufnahme zunehmend gleichzeitig abspielen / schluß: wiedergabe ungefähr gleichzeitig am anfang starten (echo-effekt) und die rekorder der reihe nach stoppen, bevor der text vollständig zu hören war.

- musikalisch-rhythmische kommunikation:

ein sprechtext oder (bekanntes?) musikstück von mehreren rekordern aufgenommen dient als klangquelle, die spieler versuchen kurze fragmente (möglichst verschiedene stellen) als loop zu wiederholen und auf diese weise eine eigene rhythmische struktur zu entwickeln:
a) stellen durch minimales rückspulen wiederholen, alle spieler durcheinander
b) eine neue stelle suchen und wiederholen, in der reihenfolge der spieler nacheinander (pausen vermeiden)
c) lautstärke immer geringer bis null reduzieren und reines tastengeräusch-ostinato spielen.

- der klang ändert sich in abhängigkeit vom instrument:

eine sprach- oder musikaufnahme wird kontinuierlich abgespielt. drei rekorder nehmen ein kurzes stück davon auf, spulen zurück, dann werden die kassetten in den jeweils anderen rekordern abgespielt (mit fade in/out), zurückgespult und wieder in anderem rekorder abgespielt. während dem abspielen soll die kontinuierliche wiedergabe unregelmäßig immer leiser geregelt werden.

- eigene klänge erzeugen:

die rekorder nehmen sich gegenseitig auf (bandrauschen, tastengeräusche), weitere klänge entstehen durch kratzen, klopfen am gehäuse oder direkt am mikrofon, filterwirkungen entstehen durch teilweise mit der hand abgedecktes mikrofon (…)

thwenk 2005

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