Analoge Zombies oder Retro-Nostalgie?

Das zweite Leben der Kassettenrekorder als (Musik) Instrumente
Festvortrag “50 Jahre CompactCassette”

klavetteAbstract:

1 Vom Aufschreiben, Abschreiben und Kopieren im Wandel der Zeiten

oder: über den Versuch, die Unzulänglichkeiten des Kopierens zu überwinden.

Von Platon bis Kittler. Trennung von Wort/Symbol, Klang und Vorstellung in der Schrift. Analoge Tonaufnahme erinnert an Schreiben auf Papier.

2 Warum Kassettenrekorder so populär wurden: Befreiung des Klangs von Ort und Steckdose.

Irrwege der Entwicklung: Stahlband und frühe Kassettensysteme. Revolution der tragbaren Musik. Wie es der KR fast bis zum Mond geschafft hätte. Der Verrat an der Klangtreue durch massenhafte Archivierung. Das Spiel mit der Differenz zwischen Nebengeräusch und Nichtmusik.

3 Von den Vorzügen, mit Kassettenrekordern statt Digitaltechnik zu arbeiten (und einigen Nachteilen). Warum Kassettenrekorder eigentlich wie Musikinstrumente funktionieren. KR als Symbol nostalgischer Retro-Oberfläche. Von den Gefahren des KR (zb. als Sammlerobjekt mit Fetischcharakter).

4 Retromania, Re-enactment und analoge Zombies

Theweleits Emo-rekorder. Krapps letztes Band und RECORDAME. Maschinendialog in TAURUS CT-600. Retromania als Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit und Authentizität in der Popkultur. Videokomposition EndlessLoveCassettes. Warum der KR im Film “Apollo 13″ eine so wichtige Rolle als Musikobjekt spielt. Die Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Bilder noch kostbarer waren als heute – Retromania und Re-enactment im Film und anderswo.

5 Musik für Kassettenrekorder? Wie man Analoge Zombies mediengerecht zum zweiten Leben erweckt ohne sie gegen die Vorteile der digitalen Konkurrenz auszuspielen.

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Da ich dem heutigen Jubilar seit 14 Jahren viele Inspirationen verdanke, nehme ich gerne die Gelegenheit wahr, einige Denkanstöße rund um den Kassettenrekorder zu verfolgen, möglicherweise unbeachtete Aspekte anzusprechen und auch gehörig abzuschweifen.

1 Aufschreiben, Abschreiben und Kopieren: Von den Versuchen, die Unzulänglichkeiten des analogen Transfers durch digitale Kopiersysteme überwinden

Beginnen wir bei den alten Griechen: Platon beklagte die zunehmende Mode, Dinge aufzuschreiben, anstatt sie sich zu merken. Er bevorzugte die Wissensvermittlung im flexiblen, mündlichen Diskurs. Das Aufgeschriebene sei nur Abbild des Gesprochenen, nützlich nur als Gedächtnisstütze für diejenigen, die schon Bescheid wüssten. Hätte er ein Diktiergerät benutzt? Mit Sicherheit nicht, denn er sah den flexiblen mündlichen Diskurs mit den Schülern als die angemessene Form der Wissensvermittlung an.1 Homers Odyssee wurde lange Zeit nur mündlich weitergegeben. Aber durch die rhythmisierte Versstruktur als mnemotechnisches Hilfsmittel beim Deklamieren konnte die Form einigermaßen sicher bewahrt werden, bis sie endgültig aufgeschrieben wurde. Bis ins frühe Mittelalter wurde selbstverständlich laut gelesen. In den folgenden Zeiten der umfassenden schriftlichen Kodifizierung waren Texte noch keineswegs sicher vor Veränderung, es wurde fehlerhaft abgeschrieben oder absichtlich verändert. Mit der epochalen Erfindung der digitalen Kopie und modernen Datenspeicherung hat sich das grundlegend geändert: Geheime Informationen, wertvolles Wissen oder banale Schnappschüsse werden unterschiedslos als Momentaufnahme festgehalten und jeder weiteren Alterung durch analoges Kopieren entzogen.

Nun verhält sich das digitale Speichermedium neutral zum unveränderlichen Inhalt, aber durch die umfassende automatisierte Speicherung von Fotos, Klängen, Texten wird das Finden und hierarchische Bewerten einer Information zum neuen Problem.

Friedrich Kittler legt in seiner medientheoretischen Untersuchung “Aufschreibesysteme” (1985) erstmals den Fokus auf die technischen Entstehungsbedingungen eines Texts. Mit dem kulturellen Wandel durch sich verändernde Medien genüge es nicht mehr, einen Inhalt zu verstehen, vielmehr müssten auch die Bedingungen seiner technischen Herstellung in Betracht gezogen werden. “Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken” heißt es in einem Brief Nietzsches, der sich mit dem Gedanken der Anschaffung einer Schreibmaschine trug. Dann der Phonograf von 1877: er nahm erstmals alles Gesprochene ohne Rücksicht auf seinen Inhalt auf und trennte damit das geschriebene Wort als Symbol von seinem realen Klang. Auf Schreiben und Lesen konnte verzichtet werden. Mit dem Film wurden die Wörter dann zum zweiten Mal entwertet, indem er ihren imaginären Gehalt einfach als Bild zeigte und Sprechen überflüssig machte.

Aber konzentrieren wir uns hier auf die analoge TonaufnahmeDas Aufnehmen auf Band erinnert an Schreiben auf Papier: durch die direkte Übertragung der Bewegung von Hand oder Mikrofonmembran auf das vorübergleitende Medium wird eine Spur erzeugt, welche mehr als nur das Aufgeschriebene selbst enthält. Auch die Unzulänglichkeiten des Trägermaterials und die technischen Nebeneffekte des Schreib-/Aufnahmevorgangs selbst sind darin als individuelle Markierungen enthalten. Jeder weitere Kopiervorgang erzeugt weitere individuelle Veränderungen.

Nach den Maßstäben des digitalen Kopierens entsteht eine qualitative Beeinträchtigung des Tondokuments durch zunehmende Nebengeräusche und Verzerrungseffekte. Beim Abschreiben wird der Text durch Fehler oder eigenmächtige Veränderungen des Kopisten modifiziert. Auf diese Weise können viele eigenständige Repräsentationen des ursprünglichen Dokuments entstehen, deren Folge nachvollziehbar bleibt und oft sogar Aussagen über ihre Entstehung zuläßt, während das digitale Medium neutral gegenüber seinem Inhalt bleibt. Der auf Band aufgenommene Klang bleibt dagegen untrennbar mit der technischen Erinnerung seiner Aufnahme verbunden.

2 Warum Kassettenrekorder so populär wurden.Die Revolution der tragbaren Musik

Vor der Compactkassette von Philips standen viele Versuche und Entwicklungen. Die ersten elektromagnetischen Tonaufzeichnungen wurden auf Draht und Stahlband gemacht, schon die klangvollen Namen der Geräte lassen erahnen, in wieviele Richtungen der damalige Pioniergeist die Entwicklungen trug:

 -  ”Ediphone” 1903/“Mirrorphone” /”Echophone” 1928/”Dailygraph”1933 …

Die Firma Telegraphone/ USA wurde beschuldigt, Aufnahmegeräte nach Deutschland exportiert zu haben: deutsche U-Boote sendeten schon 1914 mit Hilfe dieser US Geräte wichtige Kriegsinformationen an eine deutsche Station in NewYork. Auf diesen angeblich für meteorologische Zwecke angeschafften Recordern wurden Schiffspositionen sehr schnell nach Deutschland weiter gegeben. Dazu ließ man die Sende-Rekorder während der drahtlosen Übertragung sehr schnell laufen, um die Nachricht dann mit einer ebenfalls sehr schnell laufenden Maschine in Deutschland aufzunehmen und anschließend wieder in normaler Geschwindigkeit abzuhören.

Parallel vollzog Fritz Pfleumer in Deutschland den Schritt zum eisenbeschichteten Papierband, was den eigentlichen Durchbruch bei der Tonaufnahmetechnik bedeutete. Nach der Entdeckung der Vormagnetisierung und Frequenzmodulation wurde 1935 in Berlin das legendäre “Magnetophone”K1 (1935 AEG) vorgestellt. Nun fehlte nur noch das Kunststoffband (1936 BASF) um zu dem bis heute gängigen Tonband zu kommen. In diesem Jahr wurde auch in der Ludwigsburger Konzerthalle der BASF erstmals ein Orchesterwerk auf Tonband aufgenommen (Mozart Sinf. Nr. 39 3. Satz).

Aber keine dieser Entwicklungen konnte sich so massenhaft durchsetzen und bis heute weltweit ins kulturelle Selbstverständnis einprägen wie der Philips KR von 1963.

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Nach Sackgassen wie “Tefifon” und “Cassettophon” leitete er mit der sogenannten CompactCassette  die Revolution der tragbaren Musik ein, die Kassette war für lange Zeit eines der wichtigsten und verbreitetsten Aufnahmemedien, nicht nur für populäre Musik, auch als Programmspeicher für frühe Computer und BASIC-programmierbare Taschenrechner. Die KR waren in der Handhabung viel einfacher und sicherer als Tonbandgeräte, sogar als digitale Aufnahmegeräte bis zur Entwicklung von mp3, und es gab sie in allen Varianten vom Mono-Tischgerät bis zum semiprofessionellen 8spur-Rekorder. Aber vor allem die Befreiung des Klangs von Ort und Steckdose machten die kleinen Kisten populär: Überall, wo sich Menschen gerne aufhielten, stand jetzt selbst aufgenommene Musik zur Verfügung. Als Alternative zum Radioprogramm entstand der Individualismus selbst gestalteter Hörerlebnisse.

Dies führte zu einer Revolution der tragbaren Musik und einer Jugendkultur, die sich vom kollektiven Radioprogramm unabhängig machte und über selbst bestimmte Stilrichtungen definierte. Außerdem konnte überall aufgenommen werden ohne schwerfällige Studiotechnik. Garagenrock wurde auf Mehrspurrekordern produziert und der Autor der Led Zeppelin Biografie erinnert sich, wie brutal oft gegen Zuhörer mit Kassettenrekordern bei Rockkonzerten vorgegangen waren. Hier war die schlechte Aufnahmequalität anscheinend kein Hindernis. Die Faszination miserabler Amateurmitschnitte von Live-konzerten ist bis heute ungebrochen, was sich eindrucksvoll auf youtube dokumentiert.

Diese Eroberung des öffentlichen Raums stellt sich nachträglich als einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg der mobilen Abspielgeräte heraus, der bis heute anhält. 

Beinahe hätte der KR es bis zum Mond geschafft – im Jahr 1970 an Bord der Apollo 13 Mondlandemission, die von der NASA als “erfolgreichster Fehlschlag” bezeichnet wurde. Im 1995 gedrehten Spielfilm, der sich detailliert an die tatsächlichen Abläufe hält, wird die Szene der ersten live-Fernsehübertragung aus dem Raumschiff ins Kontrollzentrum Houston gezeigt. Nach bereits 2 Mondlandungen 1969 war der Nimbus des Außergewöhnlichen verschwunden, die US Medien brachten keine Live-Übertragungen mehr und man hat das Gefühl, auch die Astronauten mussten sich etwas einfallen lassen, um die Normalität ihres Raumflugs interessant zu inszenieren, indem sie von einem in der Schwerelosigkeit fliegenden Kassettenrekorder Rockmusik abspielten.

Bis zur Einführung der Digitaltechnik in den 80ern hatten KR eine Monopolstellung im Amateurbereich. Nun kamen nicht nur eine Vielzahl neuer Geräte auf den Markt, entscheidender war der Kampf immer schneller wechselnder Digitalformate. Wer sich beispielsweise für Minidisc als Alternative zum KR entschieden hatte, fand sich mit seinem Archiv nach 8 Jahren in einer Sackgasse, die Produktion wurde eingestellt. Noch schneller veraltet Computersoftware, die beispielsweise zur Aufführung elektronischer Musik genutzt wird. Heute sollte sich niemand mehr lange auf einen sicheren, allgemein verbreiteten Standard verlassen. Dafür gelang es den neuen Geräten immer besser, Rauschen und mangelhaften Klang zu vermeiden, um immer schärfer zwischenMusik und nicht-Musik, also Nebengeräuschen, zu differenzieren. An der Entwicklung von mp3 und anderen komprimierten Formaten läßt sich jedoch ablesen, dass für die Masse der Endkonsumenten inzwischen der Speicherplatz und die Streamgeschwindigkeit Internet zu einer immer wichtigeren Größe wurde. Diese Entscheidung kommt einem Verrat an der Klangtreue als oberstem Ziel gleich. Die massenhafte Archivierung von Musik verlangt Kompromisse bei der Klangqualität. Dem stehen Hersteller wie Revox oder Nakamichi gegenüber, welche bis zuletzt High-End Kassettengeräte produzierten und am Ideal höchster Klangtreue festhielten. Außerdem gibt es noch immer die Freaks, welche auf die Authentizität ihrer knisternden Schallplatten schwören – das Nebengeräusch muß also nicht unbedingt ein Problem sein. Die Integration von Geräuschen aller Art als musikfähiges Material findet indessen nicht mehr nur in der Neuen Musik statt und führt in der Aufnahme- und Reproduktionstechnik zu unlösbaren Widersprüchen, je klangtreuer musikalische Aktionen wiedergegeben werden können. Woran soll der Klangkunst-Hörer erkennen, ob es sich um eine technische Störung oder ein komponiertes Geräusch handelt? Bereits im Hiphop wurden Störgeräusche, Unterbrechungen, Verzerrungen und technisches Stottern mit erstaunlicher Kreativität eingesetzt, aber hier wird nie die fragile Grenze zwischen spielerischem Effekt und Nichtmusik überschritten.

3 Von den Vorzügen, mit Kassettenrekordern statt Digitaltechnik zu arbeiten(und einigen Nachteilen)

Nachdem der größte Teil der westlichen Zivilisation vor dem Computerbildschirm seßhaft geworden ist, bietet der Kassettenrekorder wenigstens kleine Erholungspausen von dieser Grundhaltung. Man benötigt eine ruhige Hand um nebenbei gewisse handwerkliche Techniken aufzufrischen, denn Rekorder und Kassetten sind reparierbar, und kann sich am Sonntagnachmittag einer entspannten Beschäftigung hingeben, während man vielleicht nebenher etwas Interessantes im Radio hört.

Kassettenrekorder sind den digitalen Aufnahmegeräten am aufnahmetechnischen Resultat gemessen hoffnungslos unterlegen. Aber gerade die einfachsten Kassettengeräte haben einige unschlagbare Vorzüge, da sie umso besser als Instrumente funktionieren:

- Sie produzieren selbst Klänge, wie beispielsweise ein Klavier beim Abspielen abstrakter Notation: farbiges Rauschen, Knacken im Lautsprecher, Tastaturgeräusche und mehr.

- Bei der Wiedergabe einer Aufnahme wird der Originalklang je nach Gerät verändert durch Bandrauschen und nichtlineare Verzerrung, vergleichbar mit der individuell verschiedenen Wiedergabe eines Musikstücks durch den Interpreten. Auch die Tonhöhen werden verändert, sobald die Aufnahme auf einem anderen Gerät abgespielt wird, denn es gibt keine zwei Geräte mit absolut gleicher Bandgeschwindigkeit.

- Die Funktionen der Tasten, Regler etc. lassen sich nicht absolut kontrollieren: die Resultate von Aufnahme/Wiedergabe sind im Gegensatz zu digitalen Geräten nicht genau wiederholbar, es entstehen immer Abweichungen. Inwiefern kann das als Vorteil genutzt werden? Mit der Nichtkontrollierbarkeit entstehen auf der Mikroebene individuelle Abweichungen, der Kassettenrekorder wird im live-Einsatz selbst zum Interpreten, jeder Aufführung wohnt ein unwiederholbares Moment inne. Dennoch können geübte Spieler auf der Rekordertastatur beachtliche Virtuosität entwickeln, sie bewegen sich damit wie der klassische Interpret im Spannungsfeld zwischen präziser Notation und unwiederholbarer Aufführung.

Damit gehören Kassettenrekorder unbezweifelbar jener Klasse traditioneller Instrumente an, welche der Reproduktion von Werken meist vergangener Jahrhunderte dienen. Sie sind Instrumente, deren Musik Anspruch auf museale Pflege erhebt und von leidenschaftlichen Liebhabern, Dilettanten und Professionellen vor dem Vergessen bewahrt wird.

Und schließlich: Kassettenrekorder sind billig und veralten nicht mehr. Sie sind schon alt und damit weiterer Vergänglichkeit enthoben, wie eine Geige. Nur dass die Geige wesentlich teurer ist.

4 Retromania, Re-enactment und analoge Zombies

Kassettenrekorder haben ihre ursprünglichen Funktion verloren, sind aber damit keineswegs überflüssig geworden, seit sie niemand mehr zur Speicherung von Tondokumenten benutzt. Sie werden noch eine Weile in der Lage sein, beim Publikum nostalgische Erinnerungen an goldene Zeiten des gesellschaftlichen Aufbruchs, der Rebellion und der Entstehung einer neuen Musik zu erwecken. Dadurch werden sie auch zum Symbol einer popkulturellen Retromania, welche zb. das Bild der Kassette als iPhonehülle oder in der Werbung benutzt. [Kassettengeldbeutel] Schallplattenknistern als Analog-Imitation gehört inzwischen sogar zur Grundausstattung digitaler Audiosoftware. Der Widerspruch zwischen digitalen Kulturtechniken, die jeder nutzt, und einer sentimentalen 70er-Nostalgie scheint hier ebensowenig zu stören wie bei der kommerzialisierten Ostalgie, welche die Opfer des DDR Regimes ausblendet. Hier wird zwar das Unbehagen an gewissen Folgen der neuen Massenmedien artikuliert, aber niemand wird deswegen seinen Computer wegwerfen. Stattdessen hält Retro-Romantik die Erinnerung an bessere Zeiten wach, in welche man glücklicherweise nie mehr zurückversetzt werden kann.

Klaus Theweleit beschreibt den Plattenspieler als ein Gerät, das während des Musikhörens in jungen Jahren gleichzeitig unsere Emotionen wie eine Aufnahme in die Spurrille einritzte. Legen wir die Platte nach vielen Jahren wieder auf, ist es möglich die Spuren der Erinnerung im Körpergedächtnis als Emo-record ebenfalls wiederzuerwecken.

In Becketts Stück “Das letzte Band” hört der alte Bananenesser Krapp seine Jugenderinnerungen vom Band ab. Sein Audiotagebuch ermöglicht einen Dialog im Platon’schen Sinne, bei dem “die Worte auf individuelle Weise in die Seele geschrieben werden”. Im Zwiegespräch mit sich selbst wird Krapp vor allem die schmerzliche Distanz zur Jugend dieses Idioten mit seinen hochfliegenden Plänen bewußt. Mir fiel die Ähnlichkeit zur Situation des einsam übenden Pianisten auf, der sich seine eigenen Aufnahmen anhört, um seine Fortschritte zu überprüfen. Der Pianist Bernhard Wambach führte in einem Meisterkurs eindrucksvoll vor, wie er scheinbar unlösbare Rhythmusprobleme in Stockhausens Klavierstücken mit Hilfe eines KR bewältigt.

Davon inspiriert entstand 1999 RECORDAME, mein erstes Stück für Klavier und KR. Hier wird der einsame Pianist mit einem Aufnahmegerät konfrontiert, welches er gleichzeitig zu bedienen hat. Im Zusammenspiel ist der KR zunächst Zuhörer, dann auch Mitspieler und Kontrollinstanz. Neben Bandrauschen liefert der Rekorder nur fragmentarische Momentaufnahmen von vergangenen Passagen, die jedesmal noch dem korrigierenden Vergleich mit der Gegenwart des live-gespielten Stücks ausgesetzt sind. Die Rekordertasten sind in präziser Notation als Erweiterung der Klaviertastatur eingesetzt und erfordern ebenso quasi pianistische Virtuosität. Umgekehrt finden auch die Bedienungsgeräusche ihre Entsprechung im trockenen Klang präparierter Klaviersaiten. Noch konsequenter ist die Idee des Selbstgesprächs in meinem Stück TAURUS CT-600 verfolgt: Zwei KR nehmen sich im reinen Maschinendialog gegenseitig auf und kommunizieren über ihre Sprachfehler.

Theweleits Emo-recording kann übrigens auch mit Musikkassetten funktionieren, da sie ebenfalls über haptische Qualitäten verfügen und durch Abnutzung personalisiert werden.

Außerdem können KR tatsächlich aufnehmen: Lieblingsmusikstücke, Geräusche im Freien, gesprochene Mitteilungen oder einfach nur Dr. Murkes Schweigen. Mit der Reaktivierung der Spuren des Körpergedächtnisses kann man sich erinnern, dass es auch heute noch gut wäre, wieder mal aufzubrechen und zu rebellieren, Gründe hierfür sind in jeder Zeit zu finden.

Die damalige Musik gibt es noch, sie weist aber deutliche Spuren der Veränderung durch die inzwischen vergangene Zeit auf. Vor allem Popmusik arbeitet sich an einem permanenten Glaubwürdigkeitsproblem ab und muß mit jeder neuen Stilvariante beweisen, nicht nur x-ter Abklatsch der rebellischen Beatles-Ära zu sein. Kassetten und Rekorder hingegen haben die Zeit in unveränderlicher Objekthaftigkeit überdauert, wo sie in staubigen Winkeln auf ihre Wiedererweckung oder engültige Entsorgung warten.

Die Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit und Authentizität könnte die Ursache der Retromania sein, die in der westlichen Kultur nach Postmoderne und Posthistorie auftaucht. Der Spielfilm “Apollo 13″ überträgt diese Authentifizierung dem KR: Anstelle von unterlegter Filmmusik funktioniert er als Musikobjekt, mit dem sich die Crew spielerisch inszeniert. In den fiktiven Szenen nach der Katastrophe leidet er mit, spielt den passenden Soundtrack zur bedrohlichen Situation und verstummt bedeutungsschwer, als auch die Energievorräte der Besatzung zu Ende gehen. Gerade im Bereich des Films kam es zu einer ganzen Reihe von Remakes, die keine Neufassung mit modernerer Technik sind sondern Re-enactment von quasi historischen Filmsituationen aus einer Zeit, in der die Bilder einfach noch kostbarer waren als heute: “Hitchcock”, der mit dem falschen Anthony Perkins versucht, “Psycho” nachzustellen, “My Week with Marilyn” mit einer wiederbelebten Monroe, ein Werbefilm mit Originalbildern vom süßen Fratz Audrey Hepburn, die am Computer zu einer neuen perfekten Retroszene manipuliert wurden. Mit Nachbauten, Imitationen und neugedrehten Szenen sollen hier magische Orte in der Vergangenheit besetzt werden, von denen es keinen Überfluß an Bildern gibt wie heute und die mangels digitaler Manipulation über die Einzigartigkeit des lebendigen, nicht rekonstruierbaren Moments verfügen.

Zu dieser Form von Retromania kommen die oberflächlichen Zitate veralteter Trends und Technologien, wozu auch der Kassettenrekorder gehört. Aber zum wirklichen Wiedergänger oder ANALOGEN ZOMBIE wird er erst, wenn er als Dracula aus einer vergangenen Zeit auftaucht und sich am Blut der aktuellen Kultur auffrischt. Re-enactment aus erkennbarer und respektvoller Distanz könnte ein geeignetes Mittel sein um sich daran zu bedienen.

In dem Stück SMOKE IN TIME (Child in the water) habe ich versucht, mit Schlußakkorden und Zuschauerapplaus von Deep Purple – Konzerten zwei berühmte Titel der Band auf Kassettenrekordern nachzuspielen. Dazu kommt Netzbrummen als Klangmaterial sowie die alte Hallspirale. Die Dramaturgie folgt dem üblichen Ablauf: Aufmarsch der Band – begeisterter Begrüßungsapplaus – Einstöpseln und Ausprobieren der Instrumente, Feedback – Schlagzeug Intro – Bass – Refrain – Gitarrensolo – Schlußakkord mit Applaus-Nachhall.

5 Musik für Kassettenrekorder? Wie man Analoge Zombies mediengerecht zum zweiten Leben erweckt ohne sie gegen die Vorteile der digitalen Konkurrenz auszuspielen.

Gerade weil Kassettenrekorder als Musikspeicher längst überholt sind lassen sie sich nun umso besser zweckentfremden und wie traditionelle Instrumente zur Klangproduktion einsetzen: der aufzunehmende Originalklang entspricht dem Notentext, die Kassettenwiedergabe ist vergleichbar der Instrumental-Interpretation. Dies allein würde allerdings kaum ausreichen, um ein künstlerisches Interesse an technisch unzulänglichen Geräten zu begründen. Tatsächlich lassen sich jedoch innerhalb der Beschränkungen auch komplexe Situationen und hochdifferenzierte Spielmöglichkeiten entwickeln, da der Interpret direkt und verzögerungsfrei während der Aufführung alle Funktionen beeinflussen kann: Aufnahme, Wiedergabe, Rückspulen, Klangregelung etc. können Teil einer präzise notierten Komposition sein, ebenso die Eigenschaften der Geräte als sichtbarer und beweglicher Klang-Objekte in einer Performance.

Während sich die Unterhaltungsindustrie überwiegend auf Geräte zur unveränderten Reproduktion von (Gebrauchs-)Musik und die Verwaltung unübersehbarer Mengen von Kopien konzentriert, gewinnt der kreative Musikbenutzer mit Kassettenrekordern auch ein ursprünglich spielerisches Element zurück: Verzicht auf Klangbearbeitung und virtuelle Effekte am Computer, stattdessen direkter Zugriff auf die einfachen Möglichkeiten des live-Samplings und auf die Bewegung des Klangs im Raum mit batteriebetriebenen Kassettengeräten. Hier eröffnet sich auch der Improvisation ein weites Feld, die durch alltägliche Digitalisierung verlassenen Spielräume wieder neu zu besetzen.

Kompositionen für Kassettenrekorder können natürlich den formalen Gegebenheiten instrumentaler Kunstmusik ähneln. Hier sollte aber eine mediengerechte Entwicklung ästhetischer Kriterien ansetzen, die sich nicht auf die Nachahmung klassischer Positionen beschränkt. Musik für Kassettenrekorder ist nur sinnvoll, wenn vor allem die Eigenheiten dieses Medium-Instruments im Zentrum der Komposition stehen und die klanglichen Resultate nicht alternativ auch mit Digitaltechnik realisierbar sind.

In diesem Sinne wünsche ich dem Jubilar noch viele weitere Jahre als kreativitätsstiftender Wiedergänger und bitte euch mit mir das Glas zu heben auf 50 Jahre CompactCassette.

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